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Lesben und Schwule statt „Homosexuelle“!

Am 05. Juli verleiht das Schwule Netzwerk NRW die Kompassnadel an Dr. Volker Jung, Kirchenpräsidenten der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Ein Kommentar dazu von Anne Simon.

Kirche1Wenn mir das jemand 1978 - in dem Jahr, in dem ich anfing Evangelische Theologie zu studieren - gesagt hätte, dass ich im Jahr 2014 im Internet einen Blogbeitrag auf der Homepage des Schwulen Netzwerks NRW schreiben würde und das anlässlich der Verleihung der „Kompassnadel 2014“ an den Kirchenpräsidenten der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), Dr. Volker Jung, dann hätte ich vermutlich Mühe gehabt, diese Vorhersage überhaupt zu verstehen! Denn seitdem haben sich nicht nur evangelisch-kirchliche Welten bewegt; es sind neue geschaffen worden! Und: „Meine Lieben, wir sind schon Gottes Kinder; es ist aber noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden!“ (1. Johannes 3,2a).

Das Familienpapier der EKD

Die Orientierungshilfe der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zum Thema Familie: „Zwischen Autonomie und Angewiesenheit. Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken“ erschien im vergangenen Jahr und ist ein „Meilenstein“ auf dem Weg zu dem, „was wir sein werden“. In ihr wurde verdeutlicht, dass das Verständnis der bürgerlich-rechtlichen Ehe als einer ‚göttlichen Stiftung’ und eine Herleitung der traditionellen Geschlechterrollen aus einer ‚Schöpfungsordnung’ nicht der Breite des biblischen Zeugnisses entspricht. Ehe und Familie werden nicht mehr als unveränderliche Ordnung verstanden. Auch Eingetragene Partnerschaften und Regenbogenfamilien ermöglichen Verbindlichkeit und Verlässlichkeit.

„Na endlich“ haben die einen aufgeatmet, „sie bewegt sich ja doch“. Wie gut, dass die evangelischen Kirchen in Deutschland auch bei den Themen „Beziehungen“ und „Familie“ allmählich zu einer „realistischen Theologie“ finden, die die Vielfalt menschlichen Zusammenlebens respektiert. Andere verteidigen weiterhin die „besondere Erwählung“ heterosexuellen Lebens und Liebens. Wieder andere beschworen/beschwören zum wiederholten Male den Untergang des christlichen Abendlandes und halten an ihren gerade auch religiös motivierten Vorurteilen gegenüber Lesben und Schwulen und an patriarchalischen Klischees fest. Ihr Bibelverständnis lässt keine Luft für anderes.

Die Stärken des evangelischen Menschenbilds

Die Orientierungshilfe weist darauf hin, dass gerade „[d]ie Frage nach der Segnung homosexueller Paare und der Gleichstellung homosexueller Partnerschaften, die sich darin ausdrückt, [...] die evangelische Kirche seit Langem [bewegt] und nach wie vor umstritten [ist]“. Daran hat sich seit dem vergangenen Jahr nicht viel geändert. Letztlich wird aber in dem Papier betont: „Es zählt zu den Stärken des evangelischen Menschenbilds, dass es Menschen nicht auf biologische Merkmale reduziert, sondern ihre Identität und ihr Miteinander in vielfältiger Weise beschreibt.“

Für eine Kirche, in der eine halbe Ewigkeit lang „weder die Frau etwas ohne den Mann noch der Mann etwas ohne die Frau“ war (1. Korinther 11), und die Frau zu schweigen hatte, ist das ein „großer Schritt“ (Dr. Beate Blatz). Diesen „großen Schritt“ mit anderen gegangen zu sein, nicht wieder zurückzurudern, es „[a]ngesichts einer erschreckend weit verbreiteten Homophobie“ für wichtig zu halten, dass „Kirche und Gesellschaft zu einer veränderten Beurteilung der Homosexualität“ kommt und zu bekunden „Dazu wollen meine Kirche und ich weiter beitragen“, so wie es Dr. Volker Jung getan hat, das ist preiswürdig. 

Ich freue mich, dass das Schwule Netzwerk erstmals einen kirchlichen Vertreter ehrt und damit anerkennt, dass die (Kirchen-)Welt komplexer und vielfältiger ist, als sich Kirchenferne träumen lassen. Theologie, Kirchen, ihre Leitungen und ihre Mitglieder wirken nicht nur repressiv.

Preise würdigen aber nicht nur Erreichtes, sondern sie sind auch Verpflichtung und Ermutigung.

Das Familien-Papier hat mit dem Satz „Es zählt zu den Stärken des evangelischen Menschenbilds, dass es Menschen nicht auf biologische Merkmale reduziert, sondern ihre Identität und ihr Miteinander in vielfältiger Weise beschreibt.“ immer noch nicht ganz Ernst gemacht! Um der Wahrhaftigkeit willen, die für mich auch zum protestantischen Menschenbild gehört, müsste deutlicher benannt werden, dass es sich bei Menschen mindestens um Frauen und Männer handelt, dass Frauen und Männern immer noch unter ungleichen rechtlichen und ökonomischen Bedingungen leben und lieben, dass die Sozialisierung von Mädchen und Jungen höchst unterschiedlich verläuft, dass Jungen- und Mädchenarbeit weiterhin mehrheitlich heteronormativ abläuft, nicht nur in kirchlicher Konfirmand_innen- und Jugendarbeit, aber gerade auch da. Es macht immer noch einen Unterschied, ob etwas von einer (lesbischen oder heterosexuellen) Frau oder von einem (schwulen oder heterosexuellen) Mann gesagt und/oder getan wird.

Und so macht es sehr wohl einen Unterschied, ob zwei Frauen miteinander leben oder zwei Männer. Wenn in der Orientierungshilfe nur von „Homosexualität“ und „homosexuellen Partnerschaften“ die Rede ist, verschleiert das die Tatsache, dass es Frauenbeziehungen und Männerbeziehungen gibt. In der Wahrnehmung der Mehrheit sind Homosexuelle Männer und nicht lesbische Frauen. Die Beziehungsaufgaben zu „Macht“, „Fürsorge“ und „Autonomie“ stellen sich für ein Frauenpaar deutlich anders dar als für ein Männerpaar. Und lesbische Paare werden immer noch eher mit Kindern assoziiert als schwule Paare, warum wohl?

Unterschiede wahrnehmen und respektieren

Hier wäre genauer zu untersuchen, wie einerseits an der Errungenschaft festgehalten werden kann, dass Lesben und Schwule gleiche unveräußerliche Rechte haben. Andererseits ermöglicht nur eine ehrliche und offene Auseinandersetzung, endlich die Unterschiede wahrzunehmen und zu respektieren und auch Schuld wahrzunehmen, anzuerkennen und auszusprechen. Kirche hat über die Jahrhunderte gegenüber gleichgeschlechtlich Liebenden Schuld auf sich geladen. Sie hat mit ihren naturrechtlichen Festlegungen katholischerseits und mit ihrer so genannten Schöpfungsordnung lutherischerseits, Menschen in die Ecke einer besonderen Sündhaftigkeit gestellt, sie als defizitär beschrieben. Es haben während und nach den nationalsozialistischen Vernichtungswellen nicht viele für die Juden und die Behinderten geschrieen; für Lesben und Schwule aber niemand. Sonst wäre z.B. der Fortbestand des § 175 in der verschärften NS-Fassung bis 1969 in der Bundesrepublik Deutschland so nicht möglich gewesen.

„Opas Heteromackerkirche“

Ich schreibe hier als lesbische Pastorin der Evangelischen Kirche im Rheinland (EKiR). Als ich 1979 im zweiten Semester Evangelische Theologie an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal studierte, waren die Studierenden mitten drin in den Auseinandersetzungen um die vermeintliche Schöpfungsordnung Gottes und das daraus resultierende traditionelle, ungleiche und ungerechte Verhältnis der Geschlechter. Und – ich war mitten in meinem Coming out. Ich kämpfte um nicht anderes als um meine Identität als lesbische Frau und zukünftige Pfarrerin. Denn in „Opas Heteromackerkirche“ (Titel einer damaligen Karikatur) war für eine wie mich kein Platz.

Erst 1978 kam es zur gleichberechtigten Zulassung von Frauen zum Pfarramt. Es war der Bruch mit jahrhundertealten Traditionen kirchlicher Praxis und Theoriebildung/Dogmatik. Der lange und mühsame Weg von der Theologin zur Pfarrerin führte über ein halbes Jahrhundert über die „Religionslehrerin“, die „Gemeindehelferin“, die „Pfarrgehilfin“, die „Vikarin“, die „Pfarramtsmitarbeiterin“ usw. mit beschränkten, auf Frauen, Mädchen und Kinder bezogene Funktionsbereiche. Auch fiel endlich – wie zuvor schon bei den Lehrerinnen – die sowieso unprotestantische Zölibatsklausel: Sobald eine Frau heiratete, verlor sie ihre Stelle. In der Wahrnehmung der Gemeinden hatten heterosexuelle Frauen einen „unweiblichen“ Beruf ausgeübt und dafür ohne Beziehung gelebt. Nach der rechtlichen Gleichstellung wurde u.a. viel über Pfarrmänner diskutiert. In der parodistischen Umkehrung der bisherigen Verhältnisse wurde die Absurdität herkömmlicher Rollenverteilungen schon damals sichtbar. Das heißt aber nicht, dass wir sie heute schon überwunden hätten.

Diskriminierende Orientierungshilfen zum „Problem der Homosexualität“

Die kirchlichen Verlautbarungen dieser Zeit zum „Problem der Homosexualität“ sind fast ausschließlich mit homosexuellen Männern beschäftigt. Und an den diskriminierenden Orientierungshilfen, wie „Mit Spannungen leben“, hat sich besonders die 1977 gegründete ökumenische Arbeitsgruppe „Homosexuelle und Kirche (HuK)“ abgearbeitet. Lesbische Existenz und Lebensentwürfe wurden/werden nur langsam sichtbar. Aber immer mehr lesbische Frauen meldeten sich zu Wort. Hier möchte ich besonders und stellvertretend an Dr. Herta Leistner (*1942) erinnern. Als Studienleiterin in der Evangelischen Akademie Bad Boll organisierte sie seit 1985 Tagungen mit lesbischen Frauen. Zusammen mit Monika Barz und Ute Wild gab sie das Buch „Hättest Du gedacht, dass wir so viele sind. Lesbische Frauen in der Kirche“ heraus. Herta Leistner erhielt 1996 das Bundesverdienstkreuz für ihre Verdienste um die Wahrnehmung und Emanzipation lesbischer Frauen in Kirche und Gesellschaft, woraufhin der Münchner evangelische Professor für Systematische Theologie, Dr. Wolfhart Pannenberg, sein Bundesverdienstkreuz zurückgab. Ich glaube, das muss ich nicht weiter kommentieren!

It gets better.

It gets better. Ja. Aber es sind wohl noch vieler weiterer Brüche bedürfen, bis nicht nur heterosexuelle Lebensentwürfe in dieser Kirche differenzierter wahrgenommen werden, sondern auch lesbischen Frauen (und schwulen Männer) in ihren vielfältigen Identitäten und in ihrem vielfältigen Miteinander endlich Gerechtigkeit widerfährt! Ich bin gespannt und freue mich darauf, wie viel davon ich noch erleben werde.


2012 Vilnitz Anne SimonSeit 2006 ist Anne Simon freiberuflich als Beraterin und Supervisiorin in eigener Praxis in Wuppertal tätig. Darüber hinaus arbeitet sie freiberuflich als Redakteurin des Evangelischen Bildungsservers der EKD (EBS). Sie engagiert sich im Vorstand von Wupperpride e.V., der seit 2010 in Wuppertal den CSD und die jährliche SchwulLesbische Kuturwoche organisiert und verantwortet. Im Rahmen der Kulturwoche findet mit Unterstützung des Kirchenkreises Wuppertal auch ein CSD-Gottesdienst in der CityKirche Elberfeld statt.

Nach dem Abitur studierte sie Evangelische Theologie in Wuppertal, Tübingen und Hamburg. Nach dem Ersten und Zweiten Theologischen Examen bei der Evangelischen Kirche im Rheinland war sie 1995/96 ein Jahr lang Assistant Pastor bei United Church of Christ (UCC) in den USA (Harrisburg, PA). Nach dem so genannten Hilfsdienst (z.A.-Zeit) in der Ev. Kirchengemeinde Essen-Kray Sozialmanagement-Studium (MA Essen), von 1999-2001 Lektorin im damaligen Presseverband der EKiR, 2001-2006 Polizeiseelsorgerin in der Kreispolizeibehörde Wuppertal. 2008-2012 Ausbildung zur Gestalttherapeutin.

 

Den Artikel incl. Quellennachweise und Fußnoten gibt es auch als PDF.

 

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